Caperdonich von ’72 – ein Blend

29. Juli 2020 | Von | Kategorie: Neuer Artikel, Verkostungen

Caperdonich von 1972In Belgien gibt es einen Malthead, der sein Caperdonich-Steckenpferd noch ein wenig verrückter entschlossener reitet, als ich es tue. Gunther, so sein Name, sammelt und genießt Caperdonich aus dem Jahrgang 1972. Neben allen möglichen anderen Drams, natürlich. Guten Geschmack hat Gunther also, denn 1972 war für Caperdonich – wie für einige andere Brennereien auch – ein Jahrgang, der richtig leckere Abfüllungen hervorgebracht hat.

Es ist dabei müßig zu erwähnen, dass diese Abfüllungen auf dem Markt längst vergriffen sind und mittlerweile nur noch für horrende Summen gekauft werden können. Ein Beispiel: die „Private Stock“ Abfüllung der Whisky Agency, destilliert 1972, kostete im Jahre 2011 bei ihrer Ausgabe 219 Euro, so plus-minus. Vor Kurzem kam eine Flasche dieser Abfüllung bei whiskyauctioneer.com unter den Hammer. Für sagenhafte 3100 Britische Pfund. Plus Gebühren. Ähnliches gilt für Abfüllungen von Duncan Taylor, die seinerzeit für etwas mehr als 100 Euro auf den Markt kamen und heute für 600 bis 800 Euro verkauft werden. Der Einkauf von 72er Caperdonich ist also ein teures Unterfangen geworden. Glücklich sind diejenigen, die damals ein paar Euro übrig hatten.

Gunther ist einer der wenigen, die verschiedenste 72er Caperdonich diversester Abfüller ihr Eigen nennen können. Ob zur Zeit der Markteinführung gekauft oder erst später, weiß ich natürlich nicht. Ich weiß nur, dass er für Samples von seinen Flaschen absolut marktübliche Preise nimmt. Auch von Capermaniacs. Naja, sei es ihm gegönnt. Und ich weiß, dass er viele seiner Flaschen öffnet und den Inhalt seiner Bestimmung zuführt (auch das sei ihm natürlich gegönnt).

Nur gibt es meiner Zählung nach aktuell 78 Abfüllungen von Caperdonich aus dem Jahr 1972 (ok, ein paar davon stammen aus geteilten Fässern). Das sind viele geöffnete Flaschen, sogar für jemanden, der vielleicht nicht alle davon besitzt, aber den Inhalt gerne trinkt. Die Frage ist also: was tun mit so vielen Resten?

Gunther hat sich diesem Problem eher humanitär-pragmatisch genähert und seinen Flaschenresten ein neues Leben geschenkt. In 5 neuen Flaschen. Ob das Ergebnis nun ein Single Malt, ein Pure Malt oder einfach nur eine ziemlich hochwertige Living Bottle ist, soll das Auge des Betrachters entscheiden. Auch wenn es technisch gesehen nicht korrekt ist, nenne ich das Ergebnis nach der deutschen Bezeichnung „Mischung“ kurz und bündig einen Blend.

In seinen Blend hat Gunther ungefähr 30 verschiedene Caperdonich-Drams von 1972 einfließen (ich liebe Wortspiele 🙂 ) lassen. Das Mindestalter liegt bei 16 Jahren. Den Alkoholgehalt hat Gunther nicht bestimmt, er würde im theoretischen Durchschnitt aller 78 Abfüllungen dann bei 49,4 % liegen.

Der Ursprung des Blends liest sich wie das geschmackliche who-is-who der Brennerei:

  • Gordon & MacPhail’s Reserve
  • Whiskyfair
  • der schon erwähnten Private Stock der Whisky Agency sowie deren Perfect Dram
  • die fassgleichen Abfüllungen von Signatory Vintage (Sailing Ships) und von Master of Malt
  • eine Buddel vom Whiskyman (das sollte mit 40 Jahren auch der am längsten gereifte sein)
  • von Duncan Taylor unter anderem Reste der Fässer 7424 und 7460
  • beide 72er von Malts of Scotland
  • usw usw usw…

Die Frage der Fragen ist also: ist das Ganze mehr als die Summe seiner (erlesenen) Teile? Meiner (völlig unbefangenen) Meinung nach ‚ja‘, weil einige Teile mit negativen Vorzeichen in die Summe eingehen.

Hier die etwas ausführlicheren Details:

Single Malt Whisky Caperdonich 1972 Gunthers Blend

Name Caperdonich
Alter 16 Jahre (destilliert 1972, gemischt 2020)
Alkohol Unbekannt
Abfüller Gunther
Fassnummer Alle möglichen
Sonstiges Ein Caperdonich-Blend des Jahrgangs 1972
Region Speyside
WB-ID Noch keine…
Kategorie Handwerkskunst

Farbe Zwischen polierten Messing und frischem Kupfer
Geruch Sofort mit viel Pfirsich, mit Honigmelone, mit allen möglichen reifen Südfrüchten, Möbelpolitur, Tabak (das geht Schlag auf Schlag), trockenes Laubholz, Ommas oller Eichenschrank, dann wird er ruhiger (viel ruhiger), etwas Leder und Vanille, weiße Schokolade, leicht alkoholisch stechend, Rosinen und reife Pflaumen, immer noch Eichenholz, alles ganz sanft, ein wenig Kaffeesatz, dahinter kommt Klebstoff auf, Mürbeteigkekse, Leinentuch, stoffbezogene Möbel, ein paar Blumen, Spuren von fruchtigem Dessertwein und Maggiekraut, recht deutlicher Alkohol und Holz bleiben
Geschmack Reife Frucht (nun auch mit Zitrus), süß, ölig, schnell mit erstaunlich viel Alkohol (tut aber nicht weh), dann wieder süße Frucht, Holz ohne Bitterkeit, etwas Minzfrische, dunkle Trauben-Nuss-Schokolade, würziger schwarzer Tee, süßer Honig, Minzkaugummi, die Süße (Frucht und Zucker) hält sich lange
Finish Recht lang, Röstmalz, ein wenig Vanille, immer noch reife Südfrüchte und ein paar Rosinen, Minze und Eukalyptus, trockenes Holz, etwas Kaffee, Kürbiskernbrot, wird ein wenig trockener und röstiger (nicht unbedingt rauchig oder bitter), sehr angenehm

Aromen Frucht Getreide Süße Holz Würze Alkohol Rauch

Mein Fazit Dieser Blend ist ein Dram, der mit deutlichen Aromen kaum geizt und viele davon hat (was auch an den vielen bunten Symbolen oben zu sehen ist). Sie kommen schon in der Nase Schlag auf Schlag aus dem Glas, bis plötzlich eine wohltuende Ruhe einsetzt. Die sonst typischen reifen Früchte verlieren sich, und das Fass übernimmt – leider zu sehr und viel zu schnell. Zudem wird der Alkohol deutlich, ebenfalls leider zu sehr. Ansonsten geht es in der Nase aber sehr gesittet und ruhig zu, mit unbedeutendem Sherryeinfluss. Der Mund ist dann mehr nach meinem Geschmack – lässt man auch hier das Alkoholintermezzo mal weg. Viel Frucht, viel Süße und mit passenden Würznoten. Wobei hier das Fass abgesehen von recht viel Minze hinten raus kaum in Erscheinung tritt. Merkwürdig… aber schön. Im Abgang gefallen mir die Röstnoten, die wunderbar zur Frucht passen. Insgesamt ist es ein sehr angenehmer Abgang, ohne Herausforderungen, aber mit Belohnungen.

Würde ich Gunther also fragen, ob er mir eine seiner 5 Flaschen verkauft? Nein, nicht aus geschmacklichen Gründen. Dieser Blend ist zweifelsohne sehr lecker und überdurchschnittlich gelungen, aber es gibt ein paar Unstimmigkeiten (speziell in der Nase), wegen derer ich mein Geld lieber für ausgewählte Originale dieses Blends ausgeben würde. Da bekomme ich (noch) mehr über Durchschnitt und (noch) mehr Brennerei.

Dennoch ist der Blend eine richtig gute Idee gewesen. Danke dafür!

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