Whiskyreise – Teil 3: Speyside

Jul 20th, 2019 | By | Category: Geschichte(n)

Schottlands Landkarte in NationalfarbenTag 4 unserer Reise durch Schottland begann nach einer ruhigen Nacht im Highlander Inn in der Speyside. Genauer gesagt mit einem Full Scottish Breakfast. An so etwas Handfestes am Morgen könnte man sich schon gewöhnen. Aber das war auch genau das, was wir für diesen Tag brauchten – eine solide Grundlage. Es stand einiges auf dem Programm und da das Wetter mitspielte, konnte das ein richtig schöner Tag werden. Zuerst wollte ich mit den Jungs an der Craigellachie Distillery vorbei rauf zur Speyside Cooperage gehen und von dort aus wieder runter an die Spey nach Charlestown bzw. Aberlour. Eine Tour durch die Brennerei hatte ich nicht geplant, da deren Anfangszeiten überhaupt nicht für uns passten.

In der Speyside Cooperage war es ziemlich interessant zu sehen, was das Bauen oder Erneuern eines Whiskyfasses für eine Arbeit ist. Im Vergleich zu dem 50 Jahre alten Film über dieses Handwerk, den wir in der Scotch Whisky Experience in Edinburgh gesehen hatten, ist die Arbeit heute zwar leichter geworden, doch das heißt eigentlich nur, dass man mehr Fässer am Tag fertig stellt, wenn man pro Fass bezahlt wird. Ein Standard Barrel in nur knapp über 3 Minuten zusammenbauen zu können, bedeutet für Davie McKenzie von der Cooperage zugleich einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde.

Fässer bei der Speyside Cooperage

Martin und ich haben uns am Ende der Tour an einem kleinen Spielzeugfass versucht, an dem Tourbesucher ihre Fertigkeiten testen konnten. Unsere Zeit war zwar schneller als die von Davie, aber wir hatten auch 3 bis 4 Hände und das Fass weder Deckel noch Boden. Dafür hätte es im Ernstfall keinen Lohn gegeben. Ebenso interessant wie die Arbeit an den Fässern war auf dem nach Aberlour allerdings die Aussicht auf die Fassberge, die sich im Hinterhof der Cooperage zu Tausenden und Abertausenden stapeln. Wahnsinn!

Aberlour DistilleryDer Spaziergang von Craigellachie nach Aberlour war eine willkommene Art, den Strathclyde vom Abend zuvor ein wenig aus den Knochen zu bekommen. Sehr entspannt ging es erst den Berg runter zur Spey und dann dort entlang bis zum Ortseingang von Charlestown. Klaus meinte, dass er den Fußweg an der Spey doch am nächsten Morgen locker von Craigellachie aus entlang joggen könnte – was er auch tat. Eigentlich wollte ich im Mash Tun mit den beiden zu Mittag essen, doch das klappte zeitlich nicht ganz. Also gab es nur ein leckeres Sandwich vom Spey Larder, das wir auf den Bänken vor der Aberlour Distillery genüsslich und gemütlich verputzten. Die nette Frau aus dem Visitor Center arrangierte dann ein Taxi für uns, dass uns nach Dufftown fuhr. Nicht weil wie zu faul waren zu laufen, sondern einfach weil wir sonst zu spät zur Tour bei Balvenie gekommen wären.

Leider, leider gab es auch bei Balvenie eine kurze Sommerpause, wie wir schon von ein paar Schweizern in Fettercairn gehört hatten. Und die Brennerei wurde so gründlich renoviert, dass wir weder Washback oder Mash Tun noch einen Still zu Gesicht bekamen. Vieles war für Touristen gesperrt. Unser Tourguide James Roberts, seines Zeichens Brand Ambassador von Balvenie und ehemaliger Historiker, zeigte uns dennoch Ecken der Brennerei und erklärte Dinge, die man sonst nicht zu sehen oder in diesem Detail zu hören bekommt. Er hat das wirklich richtig gut und richtig verständlich hinbekommen.

Balvenie Distillery Tour TastingHinzu kam, dass wir statt der geplanten 50 nur 20 Pfund für unsere Tour zahlen mussten und am Ende noch das volle Tasting (Double Wood 12yo, Single Cask 12yo, American Oak 12yo – lecker!, Peated Triple Wood 14yo und 30yo) mitmachen konnten. Eine sehr faire Geste von Balvenie, das muss man sagen. Und da ich Geld für die Tour gespart hatte, lag es nur nahe, zum Ausgleich noch ein Hand Filled aus einem Sherryfass einzupacken. Klaus, der eigentlich gar keine eigene Flasche abfüllen wollte, konnte ich noch ein Hand Filled aus einem American Oak Barrel abschwatzen. Netter Kerl! Die schmeckten beide gut, so aus der hohlen Hand probiert, weil Balvenie Besuchern offiziell keine Proben aus unversteuerten Fässern anbieten darf. Schmecken aus einem Glas ging also nicht, genauso wenig wie Fotos machen im Warehouse – was ich klar als Minuspunkt verbuche, wenn man seine Flasche schon mal eigenhändig mit einem Copper Dog aus einem Fass abfüllen darf.

Die Ankunft des Taxis beendete unsere Tour kurz nach dem Tasting jedoch leider ein wenig abrupt. So abrupt, dass Martin nach den diversen Drams des Tages vergaß, seine orange Sicherheitsweste auszuziehen, wie wir später vor dem Abendessen im Restaurant feststellten, als er sich seine Jacke auszog. Er nahm dieses ungewollte Andenken aber dankend an.

Caperdonich WarehousesWas das Restaurant für den Abend anging, rief unsere Taxifahrerin für uns im Mash Tun an, doch da war für den Abend schon alles voll. Schade, nach dem Mittagessen auch kein Abendessen dort. Wir entschlossen uns also kurzerhand unser Glück im Station Hotel in Rothes zu versuchen. Essen, Bier und Drams waren lecker, wir waren zufrieden mit dem Tag. Zumal ich noch den Bonus bekam, auf den Spuren meiner Lieblingsbrennerei wandeln zu können, von der heute allerdings nicht viel mehr zu sehen ist als ein paar Lagerhäuser.

Was wir weniger bedacht hatten, war der Heimweg. Sitt und satt bot es sich eigentlich an, die knappen 5 km nach Craigellachie zurück zu gehen. Doch die A941 ist nicht wirklich breit, der Verkehr könnte ein Problem für Fußgänger werden. Jedoch kein Problem für Martin. Er zog sich seine neue knallorange Warnweste über und war mit seinen mehr als 2 Metern Körperlänge ein Leuchtturm auf unserem Weg.

So stampften wir teils auf Asphalt, teils im Straßengraben (wenn Autos kamen) zurück zum Highlander Inn. Die drei Vorteile des Spaziergangs:

  1. ich bekam auf dem Weg noch kurz die eher versteckt gelegene und schon verschlossene Glen Spey Distillery zu Gesicht
  2. wir wurden wieder halbwegs nüchtern und
  3. wir kamen am Ende noch an der Craigellachie Bridge vorbei, die vor über 200 Jahren von Thomas Telford entworfen und in Gusseisen erbaut wurde. Eine tolle Arbeit für seine Zeit.

Craigellachie Bridge

Und was gab es am Ende des Tages noch? Richtig, ein paar Drams vom Strathclyde auf unserem Doppelzimmer. Immer noch lecker.

Der Tag darauf war wieder ein Reisetag, diesmal in Richtung Glencoe.

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