Whiskyreise – Teil 10: Tarbert, Glasgow

Jun 19th, 2016 | By | Category: Geschichte(n)

Schottlands Landkarte in NationalfarbenTage 10+11, Tarbert, Glasgow und nach Hause

Die Nacht wurde dann doch ein wenig kürzer als von mir benötigt, unser Wecker in der Nachbarkabine und der Generator wurden wieder mal recht früh aktiv. Aber was half es, ich musste schließlich noch meine Sachen zusammenpacken und das letzte Frühstück wollte ausgiebig und in Ruhe genossen werden. Auf dem Hinflug hatte ich eine Flasche Whisky im Gepäck und noch 3,5 kg Luft bis zu den 20 kg, was ungefähr dem Gewicht von 2 zusätzlichen Flaschen entspricht. Für den Rückflug waren es viereinhalb Flaschen sowie jede Menge Kleinzeugs, das ich verstauen musste. Also kamen Gläser, diverse Sampleflaschen und mein Krimi erstmal ins Handgepäck. Das half. Eine Kofferwaage zeigte mir am Ende freundliche 19,7 kg.

Das Frühstück selber war etwas hektischer als sonst, weil auch andere noch packen mussten und die Fluktuation an den Tischen recht hoch war. Aber lecker war es allemal, wieder mal. Jan bemerkte, dass wir wohl den Wochenrekord im Eierverbrauch mit über 500 Stück gebrochen hätten. Dann wurden die Kabinen geräumt, und wir stellten unser Gepäck auf das Pier. Mann, was waren ein paar der Koffer und Taschen schwer! Wir zahlten noch alle brav unsere Trinkschulden an Jan und machten die letzten Fotos von der “Flying Dutchman“. Dazu noch ein paar Gruppenfotos für die Erinnerung an diese Reise.

Segler Crew der Flying DutchmanIrgendwann gegen 10 Uhr kam ein ausgewachsener Reisebus den schmalen Weg zum Pier runtergefahren, der uns nach Glasgow und Edinburgh bringen sollte. Schön, so hatten wir reichlich Platz auf den nächsten 3 Stunden Busfahrt. Es folgte die erste Verabschiedung, diesmal von der Besatzung der “Flying Dutchman”. Mein großer Dank noch einmal an Anneke, Jan und Alex. Ihr habt das wirklich klasse gemacht.

Es stellte sich jedoch heraus, dass der große Kofferraum im Bauch des Busses schon durch Reifen belegt waren. Das ließ nur wenig Platz für unser Gepäck. Nachdem viele ihre Koffer, Taschen und Rucksäcke mehr oder weniger wahllos in den verbleibenden Raum gelegt hatten und wir sehen konnten, dass nicht genügend Platz für alles war, musste Michael, unser Fachmann für Transport und Logistik, erstmal aufräumen. Es passte aber am Ende alles rein, auch weil wir noch Platz zwischen den Reifen nutzten.

Ich machte es mir im Bus auf der Rückbank gemütlich und wollte eigentlich ein wenig Schlaf nachholen. Leider hatte ich die Rechnung ohne die Straßenverhältnisse auf der A83 gemacht. Besonders bei Gegenverkehr trafen die Räder auf der linken Seite des Busses, auf der ich saß, am unbefestigten Straßenrand auf das eine oder andere metertiefe Schlagloch. Nach einer Stunde gab ich mein Vorhaben endgültig auf, genoss noch ein wenig die Landschaft und quatschte etwas mit den anderen.

Loch Lomond

Es gab einen kurzen Stopp am Loch Lomond, weil für den Busfahrer alle 2 Stunden eine Pause vorgeschrieben war. Ganz schön voll war es dort. Viele Glaswegians nutzten das schöne Wetter am Wochenende für einen Ausflug ins Grüne. Also vertraten wir uns kurz die Beine und genossen einen Dram in der Sonne. Michael versuchte in der Zwischenzeit herauszufinden, warum der Busfahrer nur von einem Stopp am Flughafen von Edinburgh wusste. Ein paar von uns wollten doch in Glasgow rausgelassen werden, andere in der Innenstadt von Edinburgh. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit hatte der Fahrer auch Zeit für weitere Stopps auf dem Weg.

Zusammen mit zwei weiteren Fahrgästen wurden Kai und ich als erste der Reisegruppe gegen 13 Uhr in Glasgow verabschiedet. Beim Weg von hinten durch den Bus kam ich mir ein wenig vor wie ein Sportler beim Einlauf ins Stadion. Links und rechts wurden fleißig Hände gedrückt und Leute umarmt. Tja, hier endete die gemeinsame Reise also für uns.

Mit knapp 3 Wochen Abstand kann ich nur sagen: schön war’s mit euch, kurzweilig und mitunter auch nachdenklich… auch wenn – oder vielleicht gerade weil – ich nicht immer alle von euch verstanden habe.

Reisegruppe Flying Dutchman 2016

Michael, Martin, Aleksandra & Martin, Britta & Peter, Manfred, Marc, Michael,
Ruth & Ernst (leider nicht auf dem Bild, aber einer muss ja die Fotos schießen…),
Uwe, Mike, Robert, Klaus, Roger, Andreas, Kai & ich

An dieser Stelle muss Zeit sein, den beiden Organisatoren der Reise, Lars und Michael (der sogar seinen Geburtstag mit uns feiern musste durfte!), einen herzliches Danke Schön zu schicken. Das war ein tolles Gesamtpaket, auch wenn aus eurer Sicht vielleicht nicht alles so geklappt hat, wie ihr es wolltet (immer diese Wolken auf Islay…). Ich fand es toll, wie ihr die diversen Extrawünsche aller Reiseteilnehmer für Tastings und Touren koordiniert und auch arrangiert habt. Oder gehe ich hierfür nur vom schlimmsten Fall – Kai und mir – aus?

Nach dem Abschied von der Truppe machten wir uns auf die knappen 500 Meter von der Bushaltestelle neben der Buchanan Bus Station zu unserem Hotel. Ich freute mich wie Bolle auf eine warme Dusche mit ausreichend Platz. Das Hotelzimmer hatte die gefühlte Größe eines Ballsaales, nachdem wir uns die letzte Woche in der engen Kabine arrangieren mussten. Es gab nur ein kleines Problem, nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte. Meine Knöchel waren auf eine Größe angeschwollen, die mit der des Hotelzimmers vergleichbar war. Jetzt wusste ich auch, warum sich meine Fußgelenke den ganzen Vormittag so steif angefühlt hatten. Sowas hatte ich noch nicht erlebt, zumal ich nirgendwo angestoßen oder umgeknickt war.

Das begrenzte natürlich den geplanten Stadtrundgang an diesem Nachmittag ein wenig. Schließlich musste ich am nächsten Tag noch ein paar Stunden in einem Bus und in einem Flieger sitzen, was mit geschwollenen Knöcheln bestimmt auch nicht so spannend ist. Wir begnügten uns also mit einem gemütlichen Gang die Buchanan Street runter, wo wir noch ein paar schöne Mitbringsel (nein, keine bemalten Keramikteller) für die Daheimgebliebenen fanden. Auf der anderen Seite des Hauptbahnhofes ging es danach die Hope Street wieder Richtung Norden. Für ein spätes Mittagessen / frühes Abendessen steuerten wir das Restaurant “Viva Brazil” an, das uns von einem Mitsegler wärmstens und als überaus reichhaltig empfohlen wurde.

Das war genau das Richtige. Das Konzept des Hauses sieht vor, dass man das Essen dort spießweise serviert bekommt. Man kann sich selber an einem Salat- und Beilagenbuffet bedienen, das Fleisch wird aber vom Kellner an Spießen zu den Tischen gebracht, wo es auf die Teller geschnitten wird. Rind, Hühnchen, Schwein, Ananas, insgesamt 16 verschiedene Grillspieße wurden angeboten. Und solange ein kleines Kärtchen auf dem Tisch mit der grünen Seite nach oben zeigte, kamen die Kellner immer wieder mit neuen Spießen. Wie gesagt, das war genau das Richtige. Wir gingen alle Spieße durch – plus ein wenig Extra – und wurden trotz des harten Trainings auf dem Schiff satt.

Barregal des Pot Still GlasgowFür den zweiten Stopp des Nachmittages steuerten wir auf dem Weg zurück zum Hotel das “Pot Still” an, einen Pub mit einigen 100 offenen Flaschen Whisky in den Barregalen. Der Laden hatte sich seit meinem ersten Besuch vor über 20 Jahren kein Stück verändert. Doch, es stehen heute andere Flaschen in den Regalen. Aber sonst… nö, ich fühle mich dort immer noch wohl. Als wir so um 5 Uhr an diesem Sonntag in den Pub kamen, war er noch fast leer. Wir konnten uns richtig viel Zeit mit der Auswahl unserer Drams lassen, was bei der angebotenen Menge auch nötig ist, wenn man nicht gerade seinen Lieblingsdram zum x-ten Mal im Glas haben möchte. Wir kamen am Ende auf 2 sehr gemütliche Schottland-Abschiedsdrams für jeden und einen kaputten Wasserhahn für mich.

Der Abend taugte sonst nicht mehr für viel. Ich legte mich nur noch auf’s schön weiche Bett und meine geschwollenen Füße hoch. Am nächsten Vormittag wollte Kai sich ein wenig die Stadt ansehen. Er hatte noch eine Übernachtung mehr in Glasgow gebucht, weil das weit günstiger war als ein Rückflug einen Tag eher. Nach dem ausgiebigen Frühstück (Kai fand noch raus, warum er Müsli so gerne mag: da ist gemälzte Gerste drin!) legte ich mich bis zu meiner Abreise wieder auf’s Bett und schonte meine Füße. Kai hatte ich den Tipp gegeben, zur Glasgow Cathedral rüber zu gehen und sich ein wenig auf der Necropolis umzusehen, einem 15 Hektar großen Gartenfriedhof von 1832 mit teilweise monumentalen Gruften und Grabsteinen. Ich wäre gerne dabei gewesen…

Für mich ging es stattdessen gegen Mittag mit Sack und Pack zum Busbahnhof und von dort zum Flughafen in Edinburgh. Nachdem ich mein Gepäck noch etwas umgeräumt und ein paar alte Turnschuhe weggeschmissen hatte, um das Handgepäck zu erleichtern, zeigte die Waage beim Check-In 20,0 kg an. Punktlandung. Ähnlich perfekt verging der Flug nach Hause. Ich freute mich wahnsinnig darauf, meine Familie wieder zu sehen, die mich vom Flughafen abholte. Zum ersten Mal so viele Tage ohne sie war schon etwas merkwürdig.

Dennoch, die Zeit in Schottland war sehr schön. Wenn man sich für Whisky etwas interessiert, kann ich diese Art des Reisens nur empfehlen. Das ist ein Erlebnis der etwas anderen Art.

Zumal die Reise scheinbar auch mein Verhältnis zu Whisky verändert hat. Die ersten 2 Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich schlichtweg keine Lust, einen Dram zu genießen. War es Reizüberflutung? Kann sein, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall denke ich, dass ich in Zukunft gezielter genießen werde. Das Whisky-Journal hin oder her, aber Whisky ist am Ende des Tages nicht dazu da, Drams mit chirurgischer Präzision zu sezieren und möglichst detaillierte Verkostungsnotizen zu schreiben. Whisky soll schmecken, er soll unterhalten, er soll ein Erlebnis sein, das genossen wird. All das gab es für mich zwar auch vorher, aber vielleicht mit subjektiv falscher Intention.

Tja, das war also meine Whiskyreise. 11 Tage in Schottland. Lehrreich und leerreich. Ich hoffe, dass ich ein wenig der phantastischen Stimmung und der für mich einmaligen Erlebnisse authentisch (ohne schriftliche Notizen!) auf den Bildschirm bringen konnte und euch die Reise – wenigstens in der Beschreibung – so gut gefallen hat, wie mir in der Live-Version.

In diesem Sinne: Slàinte mhath!

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2 Comments to “Whiskyreise – Teil 10: Tarbert, Glasgow”

  1. Klaus Burgert says:

    Hallo Stefan,
    Deinen Reisebericht habe ich mit großer Freude gelesen.
    Im gemeinsamen Teil (Dutchman und Islay) findet sich jeder Mitsegler wieder, was, in Verbindung mit den auf Michaels Cloud hochgeladenen Bilder der Teilnehmer, ein tolles zusätzliches Andenken an diese Reise darstellt.
    Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße aus Freiburg
    Klaus

    ( Die Lage an der Machir Bay, mit den vier unter die Nase gehaltenen Glencairns, hast Du übrigens glänzend gemeistert ! Nachträglich nochmal Slainthe ! )

    • Stefan says:

      Hallo Famous Klouse,

      Bei der Geschwindigkeit, mit der ihr die Gläser gezückt hattet, könnte man fast meinen, dass ihr vorbereitet und durstig wart 😉
      Es freut mich aber sehr, dass du dich in der Erzählung wiederfinden kannst. Und ich werde mich wohl auch freuen, wenn ich mir das Erlebnis in ein paar Jahren nochmal durchlesen werde – vielleicht zur Steigerung der Vorfreude auf eine nächste Tour… wer weiß.

      Slainte aus dem hohen Norden,
      Stefan

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