Verführerischer Whisky

Old Farm West Overton DistilleryJohn Saunders, der 63-jährige ehemalige Verwalter eines herrschaftlichen Wohnsitzes in Pennsylvania, wurde vor ein paar Tagen von einem Gericht wegen des Konsums von Whisky angeklagt. Dabei ist das Trinken von Alkohol in Pennsylvania eigentlich gar nicht gesetzlich verboten und auch Eis soll er sich nicht in den Whisky gemischt haben. Warum also diese Anklage? Tja, trinkt man ungefragt und ungebeten Whisky (oder in diesem Fall eher Whiskey), der einem nicht gehört, kann man schon Probleme mit dem Besitzer und danach auch mit dem Gesetz bekommen. So angeblich geschehen für besagten John Saunders.

Es ging dabei natürlich nicht um irgendein paar Flaschen eines Kentucky Straight Bourbon, die kürzlich erst die Destillerie verlassen hatten. Und es ging auch nicht nur um ein paar Flaschen, sondern eher um ein paar Dutzend. Insgesamt soll sich John Saunders an Whiskeys mit einem Wert von mehr als 100.000 US Dollar verlustigt haben. Da wäre ich als Besitzer der Whiskeys auch nicht gerade erfreut.

Doch wie kommt jemand wie John Saunders überhaupt an Flaschen mit solch einem Wert? Wie gesagt, er arbeitet(e) als Hausverwalter in einem Herrenhaus in Scottdale, in dem er auch gleichzeitig wohnte. Dieses wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Gregorianischem Stil vom Kohle- und Koks-Industriellen J.P. Brennan erbaut und 2011 von Patricia Hill erworben. Sie lies das Haus daraufhin in das South Broadway Manor Bed & Breakfast umbauen.

Während der Umbauarbeiten fanden Arbeiter hinter der Bekleidung des Raumes unter einer hölzernen Treppe dann Holzkisten mit insgesamt 52 Flaschen eines Whiskeys, die noch in Originalpapier eingewickelt waren. Der Whiskey wurde 1912 in der nahe gelegenen West Overton Distillery gebrannt und nach 5 Jahren Lagerung 1917 unter dem Namen ‚The Old Farm Pure Rye Whiskey‚ abgefüllt. Brennan soll noch vor der Prohibition 10 Kisten des Whiskeys gekauft haben.

Ein Spezialist des Auktionshauses Bonhams in New York schätzt den Wert der Flaschen, so sie denn noch gefüllt wären, auf insgesamt 102.400 Dollar, was bei heutigem Umrechnungskurs knapp 80.000 Euro entspricht. Der Reiz für Sammler solcher Flaschen liegt dabei nicht im Geschmack oder der reinen Genießbarkeit des Inhaltes, sondern mehr in der Geschichte der Abfüllungen und dem Zustand von Flaschen und Verpackung. Ist aber einmal die Versiegelung der Flaschen entfernt oder beschädigt, geht der Wert der Flaschen schnell gegen Null.

Saunders soll insgesamt 48 der 52 Flaschen geleert und dann wieder an ihre Plätze in den Kisten zurückgestellt haben. Das will Patricia Hill Anfang 2012 entdeckt haben, nachdem Saunders nach seiner recht kurzen Dienstzeit wieder aus dem Haus auszog. Als Beweis dienen der Anklage Spuren der DNA von Saunders, die an 3 Hälsen von leeren Flaschen gefunden wurden. Darüber hinaus waren Korken teilweise entfernt und teilweise mit Löchern versehen, um den Whiskey entnehmen zu können.

Ziemlich eindeutige Beweise, will man meinen. Der Angeklagte selber streitet die Vorwürfe natürlich ab. Er geht stattdessen davon aus, dass der Whisky verdunstet sei. Seiner Meinung nach sei der Whiskey in den Flaschen sowieso ungenießbar. Darin schwamm seinen Angaben zufolge so viel Zeugs, dass man sich schon vom Anblick her ekeln musste. Der Whiskey habe viele Jahre in den stinkenden Raum unter der Treppe gelegen und womöglich auch Überflutungen überleben müssen. Darüber hinaus beschuldigt Saunders seine ehemalige Chefin, den Preis des Whiskeys mithilfe der Spezialisten von Bonhams künstlich angehoben zu haben, um mehr Geld machen zu können. Letzterer Aussage stimmen lokale Whiskey-Kenner zu, die eher von einem Liebhaberpreis von 100 bis 200 Dollar pro Flasche ausgehen – aber auch nur für unbeschädigte Flaschen.

Das Verfahren gegen Saunders wegen Diebstahl des verführerischen Whiskey wurde nach der ersten Anhörung vertagt und soll am 15. Mai weitergeführt werden. Egal wie das Urteil am Ende aussieht, interessant finde ich die Menge an Whisky, die John Saunders während eines knappen Jahres getrunken haben soll. Das muss ein ziemlich feucht-fröhlicher Job gewesen sein, inklusive Schwerstarbeit für alle Nieren und Lebern…

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